Aussonderungen beenden – Am Gemeinwesen
teilhaben
Würzburg (ISL e.V.) Heute
ist wie jedes Jahr der Europäische
Protesttag für die Gleichstellung
behinderter Menschen. Es ist immer noch
notwendig zu protestieren, auch wenn in
den letzten Jahren einige Verbesserungen
erreicht werden konnten. Wir haben inzwischen
Gleichstellungsgesetze auf der Bundesebene
und in den Ländern, so auch in Bayern.
An mancher Stelle beginnen die Gesetze
zu wirken, vielfach hapert es aber an
der Umsetzung.
Die grundlegende Situation von behinderten
Menschen ist immer noch von einem Denken
und von Strukturen bestimmt, die uns ausgrenzen.
Die Systeme der Aussonderung begleiten
uns das ganze Leben lang und dies betrifft
nicht nur Menschen mit einer Behinderung,
sondern es betrifft uns alle. Hierzu möchte
ich einige Ausführungen machen.
Aussonderung und Auslese beginnt bereits
am Lebensanfang
Die vorgeburtlichen medizinischen Untersuchungen
wurden in den letzten Jahren immer mehr
ausgeweitet. Die Pränataldiagnostik
hat praktisch keinen therapeutischen Wert,
da die Möglichkeiten hier sehr eingeschränkt
sind. Ihr Hauptzweck ist es Krankheiten
und Behinderungen zu erkennen, um eine
Entscheidung zur Abtreibung behinderter
Föten möglich zu machen. Die
ungesetzliche Abtreibung wird bei der
Indikation Behinderung bis zum 10.Monat
geduldet.
Aussonderung geht weiter in Kindergarten
und Schule
Wenn ein behindertes Kind der Auslese,
sprich der vorgeburtlichen Tötung
entgangen ist, erhält es fortan eine
Sonderbehandlung. Es wird viele Stunden
seiner Lebenszeit in Arztpraxen und Krankenhäusern
verbringen. Auch wenn es inzwischen mehr
integrative Kindergärten gibt, spätestens
in der Schule werden rund 90 Prozent der
behinderten Kinder ausgesondert. Die so
genannten Förderschulen sind nichts
anderes als Institutionen der Aussonderung.
Sie führen dazu, dass „normale“ Kinder
kaum Kontakte zu behinderten Kindern bekommen
und den behinderten Kindern in einem Schutzraum
das Leben „draußen“ vorenthalten
wird.
Aussonderung und Ausgrenzung in der
Lebensmitte: Arbeit, Freizeit, Teilhabe
Wenn man das System der Sonderbeschulung
hinter sich gebracht hat oder das Glück
hatte in einer Regelschule einen Schulabschluss
machen zu können, werden die meisten
auf vielfältige Hürden treffen
und zum Teil wird die Aussonderung nahtlos
fortgesetzt: Nämlich in den Werkstätten
für Behinderte. Diesen Menschen wird
Unterstützung für den Ersten
Arbeitsmarkt vorenthalten. Die Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben wird erschwert
oder unmöglich gemacht, wenn der
Eingang Stufen hat, wenn die Toilette
nicht groß genug ist, wenn es an
einem Leitsystem für blinde Mitbürgerinnen
mangelt oder wenn im Fernsehen die Untertitelung
fehlt, geschweige denn eine Übersetzung
in Gebärdensprache erfolgen würde.
Aussonderung droht auch am Lebensende
Dies ist eine bedrohliche Entwicklung,
die wiederum alle betrifft. In Sterbeverfügungen
soll nun festgelegt werden, wann eine ärztliche
Versorgung eingestellt wird. Damit einher
geht leicht eine Abwägung von Kosten
und vom Nutzen eines Menschen wie man
sie in der Wirtschaft kennt. Doch wie
hoch darf der Preis für ein Menschenleben
noch sein?
Viele können sich nicht vorstellen
mit einer Krankheit oder Behinderung zu
leben. Wenn man dann in der Situation
ist, wollen die wenigsten sterben. Vielmehr
gilt es dann das beste daraus zu machen
und die Lebensqualität durch bedarfsgerechte
Pflege und Unterstützung abzusichern.
Es gilt die Systeme der Aussonderungen,
die wir geschaffen haben, wieder abzubauen
und stattdessen allen Menschen ein Leben
in der Gemeinde zu ermöglichen.
Die Interessenvertretung Selbstbestimmt
Leben (ISL) fordert deshalb:
- Es darf bei der Pränataldiagnostik
keinen Automatismus geben, dass eine
Untersuchung zur nächsten führt.
Es gibt ein Recht der Eltern auf
Nichtwissen.
- Die Sonderbeschulung muss
langfristig abgeschafft werden.
Lernen muss in Einer Schule individuell
gefördert
werden.
- Für alte, kranke und behinderte
Menschen muss ausreichend, das heißt
bedarfsgerecht, Pflege und Unterstützung
gewährleistet werden.
- So genannte
Heime müssen abgebaut
werden. Zum Leben im Gemeinwesen gehört
das Recht frei zu wählen, wie
man wohnen will.
Ich möchte die Forderungen zur
Unterschriftenaktion vom Forum selbstbestimmter
Assistenz behinderter Menschen (ForseA
e.V.) und der Interessenvertretung Selbstbestimmt
Leben in Deutschland e.V. (ISL), die bereits
Barbara Windbergs genannt hat , wiederholen:
Wir fordern die politisch Verantwortlichen
im Bund, den Ländern und in den Kommunen
auf:
- Setzen Sie sich dafür
ein, dass keine Steuergelder für
den Neubau von Heimen verwendet werden
und verabschieden Sie ein Heimbau-Moratorium – kein
Cent mehr für Aussonderung!
- Fördern Sie flächendeckend
bedarfsgerechte ambulante Strukturen,
damit ein selbstbestimmtes Leben
und vollwertige Teilhabe am Leben für
alle möglich werden.
- Fördern
Sie die Beratung und Unterstützung
von Menschen mit Unterstützungsbedarf,
die ein selbstbestimmtes Leben
in der selbstgewählten Wohnform
ermöglichen.
- Setzen Sie
sich für die Schaffung
barrierefreier Wohnungen und
einer barrierefreien Infrastruktur
ein.
- Sorgen Sie mit uns dafür,
dass aussondernde Einrichtungen
gezielt abgebaut und durch ambulante
Angebote in der Gemeinde ersetzt werden.
Zum Schluss möchte ich noch sagen:
In NRW gibt es seit kurzem den Beschluss
keine neuen „Heime“ mehr zu
bauen. Man hat sich dort das Ziel gesetzt
nächstes Jahr fünf Prozent der
Heimplätze abzubauen. Das wäre
doch ein Ziel für alle Bundesländer.
Wir brauchen wirklich keine neuen „Heime“ mehr,
auch nicht vor den Toren Würzburg,
in Eisingen, wo man schon wieder am Planen
ist Heimplätze auszubauen.
Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift unsinnige „Heime“ zu
verhindern und das Leben in der Gemeinde
für alle zu stärken. Dankeschön.
Michael Gerr, ISL - Selbstbestimmt Leben
Deutschland e.V.
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