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  [05.05.06]

WüSL-Kundgebung im Rahmen des
Europäischen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen

Aussonderungen beenden – Am Gemeinwesen teilhaben

Würzburg (ISL e.V.) Heute ist wie jedes Jahr der Europäische Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen. Es ist immer noch notwendig zu protestieren, auch wenn in den letzten Jahren einige Verbesserungen erreicht werden konnten. Wir haben inzwischen Gleichstellungsgesetze auf der Bundesebene und in den Ländern, so auch in Bayern. An mancher Stelle beginnen die Gesetze zu wirken, vielfach hapert es aber an der Umsetzung.

Die grundlegende Situation von behinderten Menschen ist immer noch von einem Denken und von Strukturen bestimmt, die uns ausgrenzen. Die Systeme der Aussonderung begleiten uns das ganze Leben lang und dies betrifft nicht nur Menschen mit einer Behinderung, sondern es betrifft uns alle. Hierzu möchte ich einige Ausführungen machen.

Aussonderung und Auslese beginnt bereits am Lebensanfang

Die vorgeburtlichen medizinischen Untersuchungen wurden in den letzten Jahren immer mehr ausgeweitet. Die Pränataldiagnostik hat praktisch keinen therapeutischen Wert, da die Möglichkeiten hier sehr eingeschränkt sind. Ihr Hauptzweck ist es Krankheiten und Behinderungen zu erkennen, um eine Entscheidung zur Abtreibung behinderter Föten möglich zu machen. Die ungesetzliche Abtreibung wird bei der Indikation Behinderung bis zum 10.Monat geduldet.

Aussonderung geht weiter in Kindergarten und Schule

Wenn ein behindertes Kind der Auslese, sprich der vorgeburtlichen Tötung entgangen ist, erhält es fortan eine Sonderbehandlung. Es wird viele Stunden seiner Lebenszeit in Arztpraxen und Krankenhäusern verbringen. Auch wenn es inzwischen mehr integrative Kindergärten gibt, spätestens in der Schule werden rund 90 Prozent der behinderten Kinder ausgesondert. Die so genannten Förderschulen sind nichts anderes als Institutionen der Aussonderung. Sie führen dazu, dass „normale“ Kinder kaum Kontakte zu behinderten Kindern bekommen und den behinderten Kindern in einem Schutzraum das Leben „draußen“ vorenthalten wird.

Aussonderung und Ausgrenzung in der Lebensmitte: Arbeit, Freizeit, Teilhabe

Wenn man das System der Sonderbeschulung hinter sich gebracht hat oder das Glück hatte in einer Regelschule einen Schulabschluss machen zu können, werden die meisten auf vielfältige Hürden treffen und zum Teil wird die Aussonderung nahtlos fortgesetzt: Nämlich in den Werkstätten für Behinderte. Diesen Menschen wird Unterstützung für den Ersten Arbeitsmarkt vorenthalten. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird erschwert oder unmöglich gemacht, wenn der Eingang Stufen hat, wenn die Toilette nicht groß genug ist, wenn es an einem Leitsystem für blinde Mitbürgerinnen mangelt oder wenn im Fernsehen die Untertitelung fehlt, geschweige denn eine Übersetzung in Gebärdensprache erfolgen würde.

Aussonderung droht auch am Lebensende

Dies ist eine bedrohliche Entwicklung, die wiederum alle betrifft. In Sterbeverfügungen soll nun festgelegt werden, wann eine ärztliche Versorgung eingestellt wird. Damit einher geht leicht eine Abwägung von Kosten und vom Nutzen eines Menschen wie man sie in der Wirtschaft kennt. Doch wie hoch darf der Preis für ein Menschenleben noch sein?
Viele können sich nicht vorstellen mit einer Krankheit oder Behinderung zu leben. Wenn man dann in der Situation ist, wollen die wenigsten sterben. Vielmehr gilt es dann das beste daraus zu machen und die Lebensqualität durch bedarfsgerechte Pflege und Unterstützung abzusichern.

Es gilt die Systeme der Aussonderungen, die wir geschaffen haben, wieder abzubauen und stattdessen allen Menschen ein Leben in der Gemeinde zu ermöglichen.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) fordert deshalb:

  • Es darf bei der Pränataldiagnostik keinen Automatismus geben, dass eine Untersuchung zur nächsten führt. Es gibt ein Recht der Eltern auf Nichtwissen.
  • Die Sonderbeschulung muss langfristig abgeschafft werden. Lernen muss in Einer Schule individuell gefördert werden.
  • Für alte, kranke und behinderte Menschen muss ausreichend, das heißt bedarfsgerecht, Pflege und Unterstützung gewährleistet werden.
  • So genannte Heime müssen abgebaut werden. Zum Leben im Gemeinwesen gehört das Recht frei zu wählen, wie man wohnen will.

Ich möchte die Forderungen zur Unterschriftenaktion vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.) und der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL), die bereits Barbara Windbergs genannt hat , wiederholen:

Wir fordern die politisch Verantwortlichen im Bund, den Ländern und in den Kommunen auf:

  • Setzen Sie sich dafür ein, dass keine Steuergelder für den Neubau von Heimen verwendet werden und verabschieden Sie ein Heimbau-Moratorium – kein Cent mehr für Aussonderung!
  • Fördern Sie flächendeckend bedarfsgerechte ambulante Strukturen, damit ein selbstbestimmtes Leben und vollwertige Teilhabe am Leben für alle möglich werden.
  • Fördern Sie die Beratung und Unterstützung von Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein selbstbestimmtes Leben in der selbstgewählten Wohnform ermöglichen.
  • Setzen Sie sich für die Schaffung barrierefreier Wohnungen und einer barrierefreien Infrastruktur ein.
  • Sorgen Sie mit uns dafür, dass aussondernde Einrichtungen gezielt abgebaut und durch ambulante Angebote in der Gemeinde ersetzt werden.

Zum Schluss möchte ich noch sagen: In NRW gibt es seit kurzem den Beschluss keine neuen „Heime“ mehr zu bauen. Man hat sich dort das Ziel gesetzt nächstes Jahr fünf Prozent der Heimplätze abzubauen. Das wäre doch ein Ziel für alle Bundesländer. Wir brauchen wirklich keine neuen „Heime“ mehr, auch nicht vor den Toren Würzburg, in Eisingen, wo man schon wieder am Planen ist Heimplätze auszubauen.

Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift unsinnige „Heime“ zu verhindern und das Leben in der Gemeinde für alle zu stärken. Dankeschön.

Michael Gerr, ISL - Selbstbestimmt Leben Deutschland e.V.

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