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  [05.05.06]

WüSL-Kundgebung im Rahmen des
Europäischen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen

Baustopp für neue Heime und mehr ambulante Angebote

Würzburg (WüSL) Heute ist der 5. Mai - der Europaweite Protesttag behinderter Menschen. Wie bereits die letzten 10 Jahre möchten wir auch heute diesen Tag nutzen, unserem Protest Ausdruck zu verleihen. Dem Protest gegen die selbstverständliche Aussonderung behinderter Menschen in Sondereinrichtungen, gerne auch als „Heime“ bezeichnet.

Politische Aktionen wie diese sind Mosaiksteine auf dem Weg zu gleichberechtigter Teilhabe behinderter Menschen.
Aktionen wie diese haben dazu beigetragen, dass sich in den letzten Jahren positive Veränderungen ergeben haben. Ich erinnere hier z.B. an die Verabschiedung von Gleichstellungsgesetzen auf Bundes- und Landesebene oder die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als gleichwertige Sprache.

In Deutschland leben acht bis zehn Prozent behinderte und chronisch kranke Menschen. Der demographische Wandel wird die Zahl der auf Hilfe Angewiesenen noch weiter ansteigen lassen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet die häufigste Antwort auf die Frage „wohin mit den Behinderten?“ - na ins Heim!
Die Körperbehinderten in die Körperbehindertenzentren, die Blinden in die Blindenzentren, die Gehörlosen in die Gehörlosenzentren etc. etc. etc.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts kategorisiert man behinderte Menschen und schickt sie in scheinbar homogenen Gruppen in das eigens für sie geschaffene Heim. Dazu werden sie aus ihren Familien herausgerissen, aus ihrem Freundeskreis, ihren gewachsenen Strukturen.
Für die Gesellschaft ist es normal, dass die Menschen, die Hilfen brauchen, im Heim zu leben haben. Dort, denkt man, sind sie gut versorgt.

Doch wie sieht das Leben dort aus?
Stellen Sie sich vor; Sie verbringen den Rest Ihres Lebens mit einer Person, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, und mit der Sie nur Geschlecht, Alter und Behinderung gemein haben.

  • Sie haben kaum Platz für private Dinge.
  • Sie haben keinen eigenen Schlüssel, das Personal hat jederzeit Zutritt
  • Sie haben keinen eigenen Kühlschrank mit von Ihnen ausgewählten Lebensmitteln
  • Sie essen von nun an zu festen Zeiten und mit anderen gemeinsam
  • Wollen Sie weggehen, müssen Sie sich abmelden
    Brauchen Sie dabei Hilfe, haben Sie in der Regel Pech und bleiben zuhause oder müssen auf den nächsten Gruppenstadtausflug warten

Bestimmte Alltagsprozesse spielen eben keine Rolle mehr für Sie, weil das für Sie übernommen wird.
Ein Tag gleicht dem anderen.

Doch die Zeiten haben sich geändert, behinderte Menschen möchten nicht länger Objekte der Fürsorge und Bevormundung sein. Sie haben eigene Lebensentwürfe, wie jeder von Ihnen hier.

Dieses antiquierte Modell der „Behindertenhilfe“, die Institutionalisierung der auf Hilfen Angewiesenen, hat ausgedient!
Wir wollen nicht mehr dieses Leben in der Parallel-Welt, die die Menschen in ihrer sozialen Entwicklung behindert, in ihren Möglichkeiten Freundschaften zu schließen, ihre Sexualität zu leben, erfüllt zu leben, Verantwortung zu tragen und selbst Gesellschaft mitzugestalten.

Wir wollen nicht mehr länger hinnehmen, dass die Menschen zu den Hilfen kommen müssen, nämlich in die für sie vorgesehenen Zentren. Die Hilfen sollen zu den Menschen kommen!!!
Seit Jahren propagiert der Gesetzgeber das Prinzip „ambulant vor stationär“.
Tatsächlich aber fließen die Gelder der Eingliederungshilfe zu 90 % nach wie vor in die großen Einrichtungen.
Ambulante Angebote – soweit überhaupt vorhanden, werden nicht entsprechend gefördert.
Dabei ist es möglich mit den nötigen und bedarfsgerechten Hilfen in der selbst gewählten Umgebung zu leben

Es muss Wahlmöglichkeiten geben!
Andere Länder wie z.B. Schweden machen es vor:
Dort gibt es keine Behindertenheime! Dort gibt es ein Assistenzgesetz, der Bedarf des einzelnen wird ermittelt und die Hilfen gehen ohne Umwege über Wirtschaftsunternehmen direkt zum Menschen.

Eine lebenswerte Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Vielfalt!

Wir wollen mittendrin leben! –
Dazu gehört auch die umfassende Barrierefreiheit der Infrastruktur.
Dazu gehören sog. Lebenslaufwohnungen, in denen man in jeder Lebensphase zurechtkommt und die man auch im Alter nicht verlassen muss.
Schluss jetzt mit der Errichtung immer neuer Hindernisse in unserer Stadt!
Es ist ein Armutszeugnis für eine Stadt wie Würzburg, dass man Jahre suchen muss, um eine zugängliche Wohnung zu finden.
Das Know-how und die technischen Möglichkeiten für eine menschengerechte Architektur sind vorhanden. Was jetzt noch fehlt sind der politische Wille zur Veränderung und eine konsequente Umsetzung barrierefreien Bauens. -

Die Behinderten sind immer die anderen?
Manchmal entscheiden Sekunden über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen:

  • Sorgen Sie dafür, dass keine Steuergelder mehr in den Neubau aussondernder Einrichtungen fließen und verabschieden Sie ein Heimbau-Moratorium!
  • Fördern Sie die Schaffung bedarfsgerechter ambulanter Strukturen, damit selbstbestimmtes Leben und vollwertige Teilhabe am Leben für alle ermöglicht werden!
  • Fördern Sie die Beratung von Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein selbstbestimmtes Leben in der selbstgewählten Wohnform unterstützt!
  • Setzen Sie sich für die Schaffung barrierefreier Wohnungen und einer barrierefreien Infrastruktur ein!
  • Sorgen Sie mit uns dafür, dass aussondernde Einrichtungen gezielt abgebaut und durch ambulante Angebote in der Gemeinde ersetzt werden.

Wir rufen Sie auf:
Unterstützen Sie uns durch Ihre Unterschrift! Es ist eine lohnende Investition – in Ihre eigene Zukunft, denn alt werden wir Alle! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 Unterschriftenliste als PDF-Dokument zum herunterladen und ausdrucken: Baustopp für neue Heime und mehr ambulante Angebote

WüSL - Selbestimmt Leben Würzburg e.V., info@wuesl.de

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