Baustopp für neue Heime
und mehr ambulante Angebote
Würzburg (WüSL) Heute
ist der 5. Mai - der Europaweite Protesttag
behinderter Menschen. Wie bereits die
letzten 10 Jahre möchten
wir auch heute diesen Tag nutzen, unserem
Protest Ausdruck zu verleihen. Dem Protest
gegen die selbstverständliche Aussonderung
behinderter Menschen in Sondereinrichtungen,
gerne auch als „Heime“ bezeichnet.
Politische Aktionen wie diese sind Mosaiksteine
auf dem Weg zu gleichberechtigter Teilhabe
behinderter Menschen.
Aktionen wie diese haben dazu beigetragen,
dass sich in den letzten Jahren positive
Veränderungen ergeben haben. Ich
erinnere hier z.B. an die Verabschiedung
von Gleichstellungsgesetzen auf Bundes-
und Landesebene oder die Anerkennung der
Deutschen Gebärdensprache als gleichwertige
Sprache.
In Deutschland leben acht bis zehn Prozent
behinderte und chronisch kranke Menschen.
Der demographische Wandel wird die Zahl
der auf Hilfe Angewiesenen noch weiter
ansteigen lassen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet
die häufigste Antwort auf die Frage „wohin
mit den Behinderten?“ - na ins Heim!
Die Körperbehinderten in die Körperbehindertenzentren,
die Blinden in die Blindenzentren, die
Gehörlosen in die Gehörlosenzentren
etc. etc. etc.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts
kategorisiert man behinderte Menschen
und schickt sie in scheinbar homogenen
Gruppen in das eigens für sie geschaffene
Heim. Dazu werden sie aus ihren Familien
herausgerissen, aus ihrem Freundeskreis,
ihren gewachsenen Strukturen.
Für die Gesellschaft ist es normal,
dass die Menschen, die Hilfen brauchen,
im Heim zu leben haben. Dort, denkt man,
sind sie gut versorgt.
Doch wie sieht das Leben dort aus?
Stellen Sie sich vor; Sie verbringen
den Rest Ihres Lebens mit einer Person,
die sie sich nicht selbst ausgesucht
haben, und mit der Sie nur Geschlecht,
Alter und Behinderung gemein haben.
- Sie haben
kaum Platz für
private Dinge.
- Sie haben
keinen eigenen Schlüssel,
das Personal hat jederzeit
Zutritt
- Sie haben keinen
eigenen Kühlschrank
mit von Ihnen ausgewählten Lebensmitteln
- Sie essen von
nun an zu festen Zeiten und mit anderen
gemeinsam
- Wollen Sie weggehen,
müssen
Sie sich abmelden
Brauchen Sie dabei Hilfe,
haben Sie in der Regel Pech
und bleiben zuhause oder müssen auf den nächsten
Gruppenstadtausflug warten
Bestimmte Alltagsprozesse spielen eben
keine Rolle mehr für Sie, weil das
für Sie übernommen wird.
Ein Tag gleicht dem anderen.
Doch die Zeiten haben sich geändert,
behinderte Menschen möchten nicht
länger Objekte der Fürsorge
und Bevormundung sein. Sie haben eigene
Lebensentwürfe, wie jeder von Ihnen
hier.
Dieses antiquierte Modell der „Behindertenhilfe“,
die Institutionalisierung der auf Hilfen
Angewiesenen, hat ausgedient!
Wir wollen nicht mehr dieses Leben in
der Parallel-Welt, die die Menschen in
ihrer sozialen Entwicklung behindert,
in ihren Möglichkeiten Freundschaften
zu schließen, ihre Sexualität
zu leben, erfüllt zu leben, Verantwortung
zu tragen und selbst Gesellschaft mitzugestalten.
Wir wollen nicht mehr länger hinnehmen,
dass die Menschen zu den Hilfen kommen
müssen, nämlich in die für
sie vorgesehenen Zentren. Die Hilfen sollen
zu den Menschen kommen!!!
Seit Jahren propagiert der Gesetzgeber
das Prinzip „ambulant vor stationär“.
Tatsächlich aber fließen die
Gelder der Eingliederungshilfe zu 90 %
nach wie vor in die großen Einrichtungen.
Ambulante Angebote – soweit überhaupt
vorhanden, werden nicht entsprechend gefördert.
Dabei ist es möglich mit den nötigen
und bedarfsgerechten Hilfen in der selbst
gewählten Umgebung zu leben
Es muss Wahlmöglichkeiten
geben!
Andere Länder wie z.B. Schweden machen
es vor:
Dort gibt es keine Behindertenheime!
Dort gibt es ein Assistenzgesetz, der
Bedarf des einzelnen wird ermittelt und
die Hilfen gehen ohne Umwege über
Wirtschaftsunternehmen direkt zum Menschen.
Eine lebenswerte Gesellschaft ist eine
Gesellschaft der Vielfalt!
Wir wollen
mittendrin leben! –
Dazu
gehört auch die umfassende
Barrierefreiheit der Infrastruktur.
Dazu gehören sog. Lebenslaufwohnungen,
in denen man in jeder Lebensphase
zurechtkommt und die man auch
im Alter nicht verlassen muss.
Schluss jetzt mit der Errichtung
immer neuer Hindernisse in unserer Stadt!
Es ist ein Armutszeugnis für eine
Stadt wie Würzburg, dass man Jahre
suchen muss, um eine zugängliche
Wohnung zu finden.
Das Know-how und die technischen
Möglichkeiten
für eine menschengerechte Architektur
sind vorhanden. Was jetzt noch fehlt sind
der politische Wille zur Veränderung
und eine konsequente Umsetzung
barrierefreien Bauens. -
Die Behinderten sind immer die anderen?
Manchmal entscheiden Sekunden über
die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen:
- Sorgen Sie dafür, dass keine Steuergelder
mehr in den Neubau aussondernder Einrichtungen
fließen und verabschieden Sie
ein Heimbau-Moratorium!
- Fördern Sie die Schaffung bedarfsgerechter
ambulanter Strukturen, damit selbstbestimmtes
Leben und vollwertige Teilhabe am Leben
für alle ermöglicht werden!
- Fördern Sie die Beratung von Menschen
mit Unterstützungsbedarf, die ein
selbstbestimmtes Leben in der selbstgewählten
Wohnform unterstützt!
- Setzen Sie sich für die Schaffung
barrierefreier Wohnungen und einer
barrierefreien Infrastruktur ein!
- Sorgen Sie mit uns dafür, dass
aussondernde Einrichtungen gezielt
abgebaut und durch ambulante Angebote
in der Gemeinde ersetzt werden.
Wir rufen Sie auf:
Unterstützen Sie uns durch Ihre Unterschrift!
Es ist eine lohnende Investition – in
Ihre eigene Zukunft, denn alt werden wir
Alle! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Unterschriftenliste
als PDF-Dokument zum herunterladen und
ausdrucken: Baustopp
für neue Heime und mehr ambulante
Angebote
WüSL - Selbestimmt Leben Würzburg
e.V., info@wuesl.de
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