Gusti Steiner hat schon in den 70er Jahren die
deutsche Behindertenpolitik durch seine Aktionen und Veröffentlichungen
gehörig aufgemischt. Zur Zeit beschäftigt sich der in
Dortmund wohnende Streiter für die Rechte Behinderter mit einem
Schwarzbuch über die Deutsche Bahn AG.
kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit
ihm über das Werk, das voraussichtlich Anfang 2003 erscheinen
wird und die Situation bei der Deutschen Bahn AG.
Dortmund (kobinet) Was Gusti Steiner anpackt hat
es in der Regel in sich, denn bereits in den 70er Jahren hat er
durch seine Aktionen und Veröffentlichungen die deutsche Behindertenpolitik
gehörig aufgemischt. Zur Zeit beschäftigt sich der in
Dortmund lebende Streiter für die Rechte Behinderter mit einem
Schwarzbuch über die Deutsche Bahn AG. kobinet-Redakteur Ottmar
Miles-Paul sprach mit ihm über das Buch, das voraussichtlich
Anfang 2003 rechtzeitig zum Europäischen Jahr der Menschen
mit Behinderungen erscheinen wird und über die Situation bei
der Deutschen Bahn AG.
kobinet-nachrichten: Gusti, du arbeitest an einem
neuen Buch, worum geht es da genau?
Gusti Steiner: Ja, dabei geht es um 30 Jahre Bundesbahn
oder Bahn AG und was die Bahn AG für Behinderte in dieser Republik
gemacht hat, bzw. nicht gemacht hat. Sie hat nämlich nichst
gemacht, sie hat immer nur einzelne Imageprojekte gepflegt und in
der Öffentlichkeit sollte der Eindruck entstehen, hier tun
wir was für Behinderte. Sie haben in Wirklichkeit kein Gesamtkonzept
entwickelt und auch nie umgesetzt. Dieses Buch wird über diese
Geschichte einen Abriss bringen, wird aber auch in 30-40 Erfahrungsberichten
von behinderten Bundesbahnreisenden erzählen und diese Geschichten
sind zum Teil sehr schaurig.
kobinet-nachrichten: Hat das Werk schon einen
Titel und wann wird´s auf den Markt kommen.
Gusti Steiner: Eigentlich sollte das Buch zur
REHACare auf den Markt kommen, doch wir konnten den Termin nicht
ganz halten. Der Titel für das Buch lautet: «Schwarzbuch
Deutsche Bahn AG - ein Handbuch der Ignoranz» und wird jetzt
im Januar/Februar 2003 zum Europäischen Behindertenjahr erscheinen.
kobinet-nachrichten: Ihr habt ja konkrete Geschichten
im Buch eingeplant, welche Geschichte ist dir am besten in Erinnerung?
Gusti Steiner: Mir sind zwei Geschichten besonders
in Erinnerung. Ein Freund von mir ist nach seinem erfolgreichen
Studium durch die Bundesrepublik gezogen und hat sich beworben.
Als er nach Dortmund zurück kam, wo sie die Ein- bzw. Ausstiegshilfen
nicht fanden musste Werner sich aus dem Waggon heben lassen. Er
bekam dann von der Bundesbahn ein Entschuldigungsschreiben und zwei
Gutscheine für den Speisesaal, in den er mit seinem Rollstuhl
aber gar nicht rein kam. Dieser Geschichte habe ich übrigens
die Überschrift gegeben: «Der Kunde ist König -
aber Werner König ist kein Kunde».
Eine andere Geschichte, die jüngeren Datums und traurig ist,
finde ich unglaublich. Da endete eine Zugreise eines beeinträchtigten
Paares damit, dass die rollstuhlfahrende Frau verletzt auf dem Bahnsteig
lag und der Freund mit deren Rollstuhl in Richtung Duisburg abdüste.
Dazu muss man sagen, um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, ihnen
wurden vier Gutscheine für den Speisewagen geschenkt, in den
sie auch nicht hinein kommen.
kobinet-nachrichten: Das sind Geschichten, die du schon gesammelt
hast. Sammelst du noch weitere Geschichten oder ist das Buch schon
abgeschlossen?
Gusti Steiner: Das Buch ist fast abgeschlossen,
aber ich werde auch nach dem Erscheinen des Buches diese Stories
weitersammeln, denn vielleicht muss man auch in diesem Bereich,
ähnlich einer Ergänzungslieferung zu Gesetzestexten, immer
wieder Beispiele nachliefern, weil ich befürchte, dass die
Deutsche Bahn AG ihren alten Kurs des Nichtstuns weiterfahren wird.
kobinet-nachrichten: Das waren Geschichten aus
der Vergangenheit. Wie schätzt du die Bahn der Zukunft im Zusammenhang
mit dem Behindertengleichstellungsgesetz und den Zielvereinbarungen
ein? Glaubst du, dass sich hier was tut?
Gusti Steiner: Ich denke, dass das Behindertengleichstellungsgesetz
mit all seinen Möglichkeiten uns schon den Rücken stärkt,
weil es uns eine rechtliche Basis gibt. Aber ich erwarte gleichzeitig,
dass die Deutsche Bahn auch weiterhin lediglich den Eindruck erweckt,
«wir tun ja was für euch, wir wollen ja die Dinge voran
treiben» und du weißt es ja selbst, dass der Barrierebegriff
mit dem althergebrachten Denken des «wir tun ja was für
euch» nicht identisch ist. Da sind ja harte und überprüfbare
Kriterien und die muss die Deutsche Bahn einführen und erfüllen,
eher wird´s keine Ruhe geben.
kobinet-nachrichten: Danke für das Interview
und viel Erfolg.
kobinet-nachrichten - Ottmar Miles-Paul, ottmar.miles-paul@bifos.de
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