Mehr Mut für neue Wege in der Unterstützung
von behinderten Menschen wünscht sich Dr. Ulrich Spielmann
vom Josefs-Stift in Eisingen im heutigen kobinet-Interview, mit
dem die kobinet-nachrichten eine neue Serie zur Deinistitutionalisierung
von behinderten Menschen starten.
Eisingen (kobinet) Die Deinstitutionalisierung
von behinderten Menschen und die Förderung einer gemeindenahen
Unterstützung sind alte Forderungen der Selbstbestimmt Leben
Bewegung behinderter Menschen. Mittlerweile wurde in einigen Einrichtungen
der «Behindertenhilfe», wie zum Beispiel in der evangelischen
Stiftung Hephata in Mönchengladbach, damit begonnen, die Mauern
der Anstalten nieder zu reißen und alternative Unterstützungsformen
für die BewohnerInnen aufzubauen.
Mit einer neuen Serie zur Deinstitutionalisierung von behinderten
Menschen wollen die kobinet-nachrichten in den nächsten Wochen
den Blick auf die Menschen richten, die in der täglichen behindertenpolitischen
Debatte meist nicht vorkommen - nämlich diejenigen, die noch
in Einrichtungen leben müssen. Dabei wollen wir sowohl positive
Beispiele der Veränderung aufzeigen und Forderungen für
Veränderungen skizzieren, als auch den Finger in Wunden legen,
die nach Veränderung schreien.
Mit dem heutigen kobinet-Interview, das kobinet-Redakteur
Ottmar Miles-Paul mit Dr. Ulrich Spielmann vom Josefs-Stift in Eisingen
führte, wollen wir also dazu beitragen, dass der Einstieg in
den Ausstieg aus der Ausgrenzung und Benachteiligung behinderter
Menschen, die zur Zeit noch in Einrichtungen leben müssen,
greift und große Kreise zieht. Hier also unser Einstiegsinterview
mit Dr. Ulrich Spielmann:
kobinet-nachrichten: Herr Dr. Spielmann in Ihrer
Funktion als Leiter des Bereichs Wohnen des Josefs-Stifts in Eisingen
können Sie uns sicherlich einen kurzen Überblick über
Ihre Einrichtung geben. Wieviel Menschen wohnen dort und welche
Beschäftigungsmöglichkeiten bieten Sie?
Dr. Ulrich Spielmann: Das St. Josefs-Stift ist
die größte unterfränkische Behinderteneinrichtung.
Wir feiern dieses Jahr unser 30jähriges Bestehen. Im St. Josefs-Stift
wohnen insgesamt ca. 360 erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung,
davon ca. 310 auf dem Gelände in Eisingen. Außerdem gibt
es mehrere dezentrale Wohngruppen in Nachbarorten und im Raum Aschaffenburg.
Am Hauptstandort Eisingen betreiben wir auch eine Werkstatt für
behinderte Menschen mit ca. 210 Arbeitsplätzen. Zusätzlich
führen wir eine sogenannte Förderstätte. Eine Förderstätte
ist der Beschäftigungsort für behinderte Menschen, die
aufgrund ihres hohen Unterstützungsbedarfs nicht in den üblichen
Bedingungen einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt
werden können. Unsere Homepage gibt unter www.josefs-stift.de
einen ausführlichen Überblick über das St. Josefs-Stift.
kobinet-nachrichten: Die Diskussion um die Deinstitutionalisierung
von behinderten Menschen ist Ihnen ja nicht fremd. Welche Entwicklungen
gibt es in diese Richtung zur Zeit in Eisingen?
Dr. Ulrich Spielmann: Wir haben aus einer Krise
heraus Kontakt zu Professor Klaus Dörner bekommen. Damals wurden
hier in Eisingen unerlaubte humangenetische Forschungen an zahlreichen
Bewohnern des St. Josefs-Stifts bekannt. Klaus Dörner war Leiter
einer mehrköpfigen Expertengruppe. Diese Expertengruppe hat
die Vorgänge umfassend recherchiert und aufgearbeitet. Herr
Dörner war inzwischen mehrmals bei uns und hat hier Vorträge
gehalten. Immer wieder hat er angeregt, dass wir unsere Heimstruktur
überdenken sollten
Inzwischen haben wir beschlossen, langfristig das St. Josefs-Stift
erheblich zu verkleinern. Wir wollen in den nächsten 10 Jahren
die Hälfte unserer Wohnplätze abbauen und im gleichen
Zug neue, gemeindeintegrierte Wohnangebote für behinderte Menschen
schaffen. Diese neuen Angebote sollen auch für Menschen mit
hohem Unterstützungsbedarf gelten. Das ist uns ganz wichtig.
Das Ganze nennen wir «Teildezentralisierung», nicht
Deinstitutionalisierung.
kobinet-nachrichten: Welche Projekte und Maßnahmen
zur Verbesserung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen sind
in Ihrer Einrichtung mittelfristig schon geplant?
Dr. Ulrich Spielmann: Mit dem Umbau unserer Wohnangebote
geht eine Diskussion zum Thema Selbstbestimmung einher. Wir beginnen
langsam zu lernen, dass das Paradigma der fürsorglichen Betreuung
nicht mehr greift. Die Menschen, die sich uns anvertrauen, können
zu Recht von uns erwarten, dass wir sie nicht erziehen sollten,
sondern sie in erster Linie in ihrer täglichen Lebensführung
begleiten und unterstützen.
Seit vier Jahren gibt es einen BewohnerInnenrat im St. Josefs-Stift.
Das ist die gewählte Vertretung der Bewohner und Bewohnerinnen.
Wir beginnen zu lernen, dass wir die BewohnerInnen in allen wesentlichen
Dingen wirklich mit einbeziehen müssen. So haben wir z.B. begonnen,
freie Wohnplätze den BewohnerInnen anzuzeigen. Ziel ist die
Errichtung einer Art Wohnplatzbörse, auf der die behinderten
Menschen selber aktiv freiwerdende Wohnplätze auswählen
können.
Seit zwei Jahren bieten wir interessierten BewohnerInnen an, einzeln
oder als Paare in kleine Mietwohnungen umzuziehen. Dieses Angebot
haben seitdem sechs Personen wahrgenommen. In der Anfangszeit werden
sie durch MitarbeiterInnen relativ intensiv unterstützt. Nach
zwei Jahren wird die Unterstützung zurückgefahren und
entspricht dann der üblichen Unterstützung im Rahmen des
sogenannten betreuten Wohnens.
Außerdem suchen wir geeignete Wohnhäuser, die den Aufbau
von kleinen Wohngemeinschaften ermöglichen. Solche Wohngemeinschaften
sollten im Idealfall nicht mehr als sechs Personen aufnehmen. Am
21. Oktober 2002 haben wir nun eine solche Wohngemeinschaft im Nachbarort
Waldbrunn eröffnet. Dort sind sieben Personen mit unterschiedlichem
Hilfebedarf eingezogen. Für uns ist das absolutes Neuland,
weil wir bisher gewohnt waren, die Unterstützung von behinderten
Menschen in Wohngruppengrößen von zehn bis zwölf
Personen zu organisieren. Zusätzlich konnten wir im selben
Ort ein zweites Wohnhaus anmieten, das ebenfalls als Wohngemeinschaft
für sieben Personen dienen wird. Dieses Haus ist glücklicherweise
rollstuhlfahrergerecht, so dass wir auch Personen mit hohem Hilfebedarf
einen Umzug anbieten können. Wir suchen weitere geeignete Häuser
bzw. Wohnungen, um langfristig - wie schon gesagt - die Hälfte
unserer Wohnangebote umzuwandeln.
In mehreren Gesetzen wird klar vorgeschrieben, dass auch Menschen
mit Behinderungen ein uneingeschränktes Recht auf Teilhabe
an der Gesellschaft haben. Genau das wollen wir: den Menschen, die
sich uns anvertrauen, das normale Wohnen in der Gesellschaft ermöglichen
kobinet-nachrichten: Welche Hürden sehen
Sie bei der Verbesserung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen?
Dr. Ulrich Spielmann: Unser Prozess der Teildezentralisierung
hat erwartungsgemäß fast bei allen Beteiligten heftige
Diskussionen und in vielen Fällen auch große Verunsicherung,
Ängste und auch Widerstand ausgelöst. Zunächst sind
die gesetzlichen Betreuer sehr misstrauisch. Die Angehörigen,
die sich ja sehr schwer taten, ihre behinderten Kinder oder Familienangehörigen
in ein Heim zu geben, kämpfen nun darum, dass die «Sicherheit
und der Schutz des Heimes» in jedem Fall für ihre Betreuten
bewahrt werden soll. Hier müssen wir viel Überzeugungsarbeit
leisten. Aber auch auf Seiten der Mitarbeiter und der Einrichtung
gibt es viele Befürchtungen und Widerstände. Wir alle
müssen lernen auszuhalten, dass das Leben in kleinen Wohngemeinschaften,
das Einzel- oder das Paarwohnen mehr Selbstbestimmung, aber selbstverständlich
auch höhere Risiken birgt. Wir suchen nach angemessenen Unterstützungsformen
für diese neuen Wohnsituationen und sind da noch ganz am Anfang.
Am deutlichsten vermitteln die BewohnerInnen uns was sie möchten:
Alle diejenigen, die in der letzten Zeit in neue Wohnformen aus
unserer Großeinrichtung ausgezogen sind, haben - egal ob sie
sprechen können oder nicht - uns deutlich gezeigt, dass sie
den Wechsel ins gemeindeintegrierte Wohnen unbedingt befürworten.
Keiner möchte zurück ins Stift. Diese Erfahrungen sind
für uns Leitlinie für die Zukunft.
Wohnunterstützung so zu organisieren, dass auch Menschen mit
Behinderung möglichst selbstbestimmt leben können, ist
übrigens nicht in erster Linie eine Frage der Finanzen. Viel
wichtiger ist die bewusste Entscheidung, dass man Menschen mit Behinderung
auch wirklich das Recht zugesteht, an der Gesellschaft teilzuhaben.
Und das fängt nun mal beim Wohnen an. MitarbeiterInnen in Behinderteneinrichtungen,
aber auch Träger und Verbände lernen allmählich,
dass wir uns von den klassischen institutionellen Wohnformen verabschieden
müssen, wenn wir dieses Recht ernst nehmen wollen. Die größte
Hürde ist nach meiner Erfahrung, dass jeder für sich selber
diesen Erkenntnisschritt zunächst gehen muss. Natürlich
gibt es dann auch viel finanzielle und rechtliche Hürden. Aber
diese sind langfristig zu bewältigen, wenn man sich «auf
den Weg macht».
kobinet-nachrichten: Wenn Sie, ganz persönlich,
drei Wünsche für die Behindertenarbeit frei hätten,
was sähen Sie gerne umgesetzt?
Dr. Ulrich Spielmann:
Mein erster Wunsch: Mehr Mut. Mutige Träger, mutige MitarbeiterInnen,
mutige gesetzliche Betreuer, auch mehr Mut auf Seiten der Kostenträger
(Am mutigsten sind in der Regel die behinderten Menschen).
Mein zweiter Wunsch: Ein Gesetz, das dauerhafte
Wohnbetreuung in Gruppen von über sechs Personen verbietet.
Mein dritter Wunsch: Ein Simultandolmetscher,
der in der Lage ist, die Sprache von uns Professionellen simultan
in einfache Sprache zu übersetzen, so dass Menschen mit Lernschwierigkeiten
wirklich gut einbezogen werden können gemäß dem
Motto: «Nichts über uns ohne uns»
kobinet-nachrichten: Herzlichen Dank für
das Interview und viel Erfolg und
Spass bei den anstehenden Reformen.
Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar
Miles-Paul
kobinet-nachrichten - Ottmar Miles-Paul, ottmar.miles-paul@bifos.de
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