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  [31.10.02]

Mehr Mut tut Not


Mehr Mut für neue Wege in der Unterstützung von behinderten Menschen wünscht sich Dr. Ulrich Spielmann vom Josefs-Stift in Eisingen im heutigen kobinet-Interview, mit dem die kobinet-nachrichten eine neue Serie zur Deinistitutionalisierung von behinderten Menschen starten.

Eisingen (kobinet) Die Deinstitutionalisierung von behinderten Menschen und die Förderung einer gemeindenahen Unterstützung sind alte Forderungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen. Mittlerweile wurde in einigen Einrichtungen der «Behindertenhilfe», wie zum Beispiel in der evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach, damit begonnen, die Mauern der Anstalten nieder zu reißen und alternative Unterstützungsformen für die BewohnerInnen aufzubauen.
Mit einer neuen Serie zur Deinstitutionalisierung von behinderten Menschen wollen die kobinet-nachrichten in den nächsten Wochen den Blick auf die Menschen richten, die in der täglichen behindertenpolitischen Debatte meist nicht vorkommen - nämlich diejenigen, die noch in Einrichtungen leben müssen. Dabei wollen wir sowohl positive Beispiele der Veränderung aufzeigen und Forderungen für Veränderungen skizzieren, als auch den Finger in Wunden legen, die nach Veränderung schreien.

Mit dem heutigen kobinet-Interview, das kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit Dr. Ulrich Spielmann vom Josefs-Stift in Eisingen führte, wollen wir also dazu beitragen, dass der Einstieg in den Ausstieg aus der Ausgrenzung und Benachteiligung behinderter Menschen, die zur Zeit noch in Einrichtungen leben müssen, greift und große Kreise zieht. Hier also unser Einstiegsinterview mit Dr. Ulrich Spielmann:

kobinet-nachrichten: Herr Dr. Spielmann in Ihrer Funktion als Leiter des Bereichs Wohnen des Josefs-Stifts in Eisingen können Sie uns sicherlich einen kurzen Überblick über Ihre Einrichtung geben. Wieviel Menschen wohnen dort und welche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten Sie?

Dr. Ulrich Spielmann: Das St. Josefs-Stift ist die größte unterfränkische Behinderteneinrichtung. Wir feiern dieses Jahr unser 30jähriges Bestehen. Im St. Josefs-Stift wohnen insgesamt ca. 360 erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung, davon ca. 310 auf dem Gelände in Eisingen. Außerdem gibt es mehrere dezentrale Wohngruppen in Nachbarorten und im Raum Aschaffenburg. Am Hauptstandort Eisingen betreiben wir auch eine Werkstatt für behinderte Menschen mit ca. 210 Arbeitsplätzen. Zusätzlich führen wir eine sogenannte Förderstätte. Eine Förderstätte ist der Beschäftigungsort für behinderte Menschen, die aufgrund ihres hohen Unterstützungsbedarfs nicht in den üblichen Bedingungen einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt werden können. Unsere Homepage gibt unter www.josefs-stift.de einen ausführlichen Überblick über das St. Josefs-Stift.

kobinet-nachrichten: Die Diskussion um die Deinstitutionalisierung von behinderten Menschen ist Ihnen ja nicht fremd. Welche Entwicklungen gibt es in diese Richtung zur Zeit in Eisingen?

Dr. Ulrich Spielmann: Wir haben aus einer Krise heraus Kontakt zu Professor Klaus Dörner bekommen. Damals wurden hier in Eisingen unerlaubte humangenetische Forschungen an zahlreichen Bewohnern des St. Josefs-Stifts bekannt. Klaus Dörner war Leiter einer mehrköpfigen Expertengruppe. Diese Expertengruppe hat die Vorgänge umfassend recherchiert und aufgearbeitet. Herr Dörner war inzwischen mehrmals bei uns und hat hier Vorträge gehalten. Immer wieder hat er angeregt, dass wir unsere Heimstruktur überdenken sollten
Inzwischen haben wir beschlossen, langfristig das St. Josefs-Stift erheblich zu verkleinern. Wir wollen in den nächsten 10 Jahren die Hälfte unserer Wohnplätze abbauen und im gleichen Zug neue, gemeindeintegrierte Wohnangebote für behinderte Menschen schaffen. Diese neuen Angebote sollen auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf gelten. Das ist uns ganz wichtig. Das Ganze nennen wir «Teildezentralisierung», nicht Deinstitutionalisierung.

kobinet-nachrichten: Welche Projekte und Maßnahmen zur Verbesserung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen sind in Ihrer Einrichtung mittelfristig schon geplant?

Dr. Ulrich Spielmann: Mit dem Umbau unserer Wohnangebote geht eine Diskussion zum Thema Selbstbestimmung einher. Wir beginnen langsam zu lernen, dass das Paradigma der fürsorglichen Betreuung nicht mehr greift. Die Menschen, die sich uns anvertrauen, können zu Recht von uns erwarten, dass wir sie nicht erziehen sollten, sondern sie in erster Linie in ihrer täglichen Lebensführung begleiten und unterstützen.
Seit vier Jahren gibt es einen BewohnerInnenrat im St. Josefs-Stift. Das ist die gewählte Vertretung der Bewohner und Bewohnerinnen. Wir beginnen zu lernen, dass wir die BewohnerInnen in allen wesentlichen Dingen wirklich mit einbeziehen müssen. So haben wir z.B. begonnen, freie Wohnplätze den BewohnerInnen anzuzeigen. Ziel ist die Errichtung einer Art Wohnplatzbörse, auf der die behinderten Menschen selber aktiv freiwerdende Wohnplätze auswählen können.
Seit zwei Jahren bieten wir interessierten BewohnerInnen an, einzeln oder als Paare in kleine Mietwohnungen umzuziehen. Dieses Angebot haben seitdem sechs Personen wahrgenommen. In der Anfangszeit werden sie durch MitarbeiterInnen relativ intensiv unterstützt. Nach zwei Jahren wird die Unterstützung zurückgefahren und entspricht dann der üblichen Unterstützung im Rahmen des sogenannten betreuten Wohnens.
Außerdem suchen wir geeignete Wohnhäuser, die den Aufbau von kleinen Wohngemeinschaften ermöglichen. Solche Wohngemeinschaften sollten im Idealfall nicht mehr als sechs Personen aufnehmen. Am 21. Oktober 2002 haben wir nun eine solche Wohngemeinschaft im Nachbarort Waldbrunn eröffnet. Dort sind sieben Personen mit unterschiedlichem Hilfebedarf eingezogen. Für uns ist das absolutes Neuland, weil wir bisher gewohnt waren, die Unterstützung von behinderten Menschen in Wohngruppengrößen von zehn bis zwölf Personen zu organisieren. Zusätzlich konnten wir im selben Ort ein zweites Wohnhaus anmieten, das ebenfalls als Wohngemeinschaft für sieben Personen dienen wird. Dieses Haus ist glücklicherweise rollstuhlfahrergerecht, so dass wir auch Personen mit hohem Hilfebedarf einen Umzug anbieten können. Wir suchen weitere geeignete Häuser bzw. Wohnungen, um langfristig - wie schon gesagt - die Hälfte unserer Wohnangebote umzuwandeln.
In mehreren Gesetzen wird klar vorgeschrieben, dass auch Menschen mit Behinderungen ein uneingeschränktes Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft haben. Genau das wollen wir: den Menschen, die sich uns anvertrauen, das normale Wohnen in der Gesellschaft ermöglichen

kobinet-nachrichten: Welche Hürden sehen Sie bei der Verbesserung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen?

Dr. Ulrich Spielmann: Unser Prozess der Teildezentralisierung hat erwartungsgemäß fast bei allen Beteiligten heftige Diskussionen und in vielen Fällen auch große Verunsicherung, Ängste und auch Widerstand ausgelöst. Zunächst sind die gesetzlichen Betreuer sehr misstrauisch. Die Angehörigen, die sich ja sehr schwer taten, ihre behinderten Kinder oder Familienangehörigen in ein Heim zu geben, kämpfen nun darum, dass die «Sicherheit und der Schutz des Heimes» in jedem Fall für ihre Betreuten bewahrt werden soll. Hier müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber auch auf Seiten der Mitarbeiter und der Einrichtung gibt es viele Befürchtungen und Widerstände. Wir alle müssen lernen auszuhalten, dass das Leben in kleinen Wohngemeinschaften, das Einzel- oder das Paarwohnen mehr Selbstbestimmung, aber selbstverständlich auch höhere Risiken birgt. Wir suchen nach angemessenen Unterstützungsformen für diese neuen Wohnsituationen und sind da noch ganz am Anfang.
Am deutlichsten vermitteln die BewohnerInnen uns was sie möchten: Alle diejenigen, die in der letzten Zeit in neue Wohnformen aus unserer Großeinrichtung ausgezogen sind, haben - egal ob sie sprechen können oder nicht - uns deutlich gezeigt, dass sie den Wechsel ins gemeindeintegrierte Wohnen unbedingt befürworten. Keiner möchte zurück ins Stift. Diese Erfahrungen sind für uns Leitlinie für die Zukunft.
Wohnunterstützung so zu organisieren, dass auch Menschen mit Behinderung möglichst selbstbestimmt leben können, ist übrigens nicht in erster Linie eine Frage der Finanzen. Viel wichtiger ist die bewusste Entscheidung, dass man Menschen mit Behinderung auch wirklich das Recht zugesteht, an der Gesellschaft teilzuhaben. Und das fängt nun mal beim Wohnen an. MitarbeiterInnen in Behinderteneinrichtungen, aber auch Träger und Verbände lernen allmählich, dass wir uns von den klassischen institutionellen Wohnformen verabschieden müssen, wenn wir dieses Recht ernst nehmen wollen. Die größte Hürde ist nach meiner Erfahrung, dass jeder für sich selber diesen Erkenntnisschritt zunächst gehen muss. Natürlich gibt es dann auch viel finanzielle und rechtliche Hürden. Aber diese sind langfristig zu bewältigen, wenn man sich «auf den Weg macht».

kobinet-nachrichten: Wenn Sie, ganz persönlich, drei Wünsche für die Behindertenarbeit frei hätten, was sähen Sie gerne umgesetzt?

Dr. Ulrich Spielmann:
Mein erster Wunsch: Mehr Mut. Mutige Träger, mutige MitarbeiterInnen, mutige gesetzliche Betreuer, auch mehr Mut auf Seiten der Kostenträger (Am mutigsten sind in der Regel die behinderten Menschen).

Mein zweiter Wunsch: Ein Gesetz, das dauerhafte Wohnbetreuung in Gruppen von über sechs Personen verbietet.

Mein dritter Wunsch: Ein Simultandolmetscher, der in der Lage ist, die Sprache von uns Professionellen simultan in einfache Sprache zu übersetzen, so dass Menschen mit Lernschwierigkeiten wirklich gut einbezogen werden können gemäß dem Motto: «Nichts über uns ohne uns»

kobinet-nachrichten: Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg und
Spass bei den anstehenden Reformen.

Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

kobinet-nachrichten - Ottmar Miles-Paul, ottmar.miles-paul@bifos.de

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