Interview mit Uwe Frevert von der ISL
Kassel (kobinet) Die Rufe nach einer fairen Assistenz
werden immer lauter. Über 40 Behindertenorganisationen unterstützen
bereits die Assistenzkampagne, so zum Beispiel auch die Interessenvertretung
Selbstbestimmt Leben in Deutschland - ISL e.V. kobinet-Redakteur
Ottmar Miles-Paul führte daher mit Uwe Frevert vom Vorstand
der ISL e.V. folgendes Interview:
kobinet: Assistenz war ja schon immer ein zentrales
Thema in der Arbeit der ISL, welches sind zur Zeit die größten
Probleme?
Uwe Frevert: Probleme gibt es für viele behinderte
Menschen, die wenig oder keinen Bedarf im Sinne der Grundpflege
der Pflegeversicherung haben. Diese, meist körperbehinderten
Personen, benötigen zur Bewältigung der Alltagsanforderungen,
wie z.B. Einkaufen, Putzen, Behördengänge, Arztbesuche
und Krankengymnasitk etc. etc. weitaus mehr Energie bzw. Körperkräfte
als Nichtbehinderte. Die Folgen sind eine permanente Überlastung.
Sie sind erschöpft und bringen als berufstätige nicht
die volle Leistung weil sie häufig krank werden. Andere stehen
dem Arbeitsmarkt gar nicht erst zur Verfügung.
Aber auch andere behinderte Personen, die keine Leistungen über
das Bundessozialhilfegesetz beziehen können, da sie mit akademischen
Graden berufstätig sind oder weil sie in Familien leben in
deren Haushalt weitere Erwerbstätiige sind, leiden unter dieser
permanenten Überlastung. Die Pflegeversicherung finanziert
höchstens 50% ihres Bedarfes im Bereich der Grundpflege. Auch
diese versuchen all zu viel selbst zu bewältigen, so dass auch
diese Gruppe hoffnungslos überlastet ist.
kobinet: Die Einkommens- und Vermögensabhänigigkeit
der Leistungen stellt eine der größten Probleme für
die Betroffenen dar. Welche Lösungen könnte sich die ISL
dabei vorstellen?
Uwe Frevert: Man sollte nicht all zu viel der
vorhandenen Gesetze ändern. Vielmehr muß nur die Einkommens-
und die Vermögenabhängigkeit verändert werden. Dies
gilt vor allem in den Assistenzbereichen Hilfe zur Pflege und Eingleiderungshilfe
des BSHG.
kobinet: Wie schätzen Sie die Chancen ein,
in der nächsten Legislaturperiode eine effektive Assistenzsicherung
durchzubekommen?
Uwe Frevert: Ich bin da sehr zuversichtlich, denn
alle wissen, dass die Pflegeversicherung und die ergänzende
Hilfe zur Pflege nach dem BSHG für alte und kranke konzipiert
wurde, nicht aber für behinderte Menschen, die aktiv im Leben
stehen.
kobinet: Das Arbeitgebermodell hat sich ja zwischenzeitlich
besser etabliert. Wo gibt es hier noch Probleme?
Uwe Frevert: Es gibt keinen Rechtsanspruch im
Rahmen der Pflegeversicherung und auch nicht im Rahmen des BSHG.
Weiter werden viele von den Sozialhilfeträgern so schlecht
bezahlt, dass die behinderten ArbeitgeberInnen all zu oft nicht
einmal die Mindestlöhne für ungelernte Kräfte bezahlen
können. Die Folge ist, dass die AssistentInnen nicht lange
oder gar nicht mehr arbeiten wollen.
kobinet: Herzlichen Dank für das Interview.
kobinet-nachrichten - Ottmar Miles-Paul, omilespaul@aol.com
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