Interview mit Claus Völker von der Heimaufsicht Unterfranken
Würzburg [kobinet]. Die Kritik an den Heimen
wird auch in Deutschland immer lauter. kobinet-Redakteur Ottmar
Miles-Paul führte daher das aktuelle kobinet-Interview mit
jemand, der sich in diesem Bereich gut auskennt. Claus Völker
ist in der Heimaufsicht in der Bezirksregierung Unterfranken tätig
und weiß wovon er spricht, wenn er meint, dass wir uns auch
in Deutschland mitten in der Deinstitutionalisierung befinden:
kobinet: Herr Völker, Sie sind in der Heimaufsicht
tätig.Was ist dabei genau Ihr Aufgabenfeld?
Claus Völker: In Bayern wurden zum 01.01.2002 die Aufgaben
der Heimaufsicht zwar auf die Kreisverwaltungsbehörden (Landratsämter
und kreisfreie Städte) übertragen. Die Bezirksregierungen
haben jedoch die Rechtsaufsicht über die Heimaufsichten und
sollen für einen möglichst einheitlichen Vollzug des Heimgesetzes
sorgen.
kobinet: Welche Erfahrungen machten Sie bei der
Begutachtung der Einrichtungen und was müsste sich Ihrer Meinung
nach zukünftig in diesem Bereich verändern?
Claus Völker: Grundsätzlich lässt sich feststellen,
dass Institutionen mit einheitlichen, wenig flexiblen Regulierungen
für das Heimleben dem Einzelnen geringe Entfaltungs- und Autonomiemöglichkeiten
bieten. Das soll nicht heißen, dass es sich um "schlechte"
Heime handelt oder das Personal in solchen Einrichtungen weniger
geeignet wäre bzw. lieblos arbeitet. Es sind systemimmanente
Eigenheiten, die schwer zu überwinden sind. Vielleicht ist
man in manchen Heimen noch immer dem alten Fürsorgeprinzip
verhaftet: Wir wissen aus Erfahrung, was gut für unsere Bewohner
ist. Notwendig ist es daher, dass die Heimträger und die Beschäftigten
der Heime alles daran setzen, den Menschen mit Behinderung das höchstmögliche
Maß an Autonomie und selbstbestimmtem Leben einzuräumen.
Weiter sollten sie auch den Umzug in ambulant unterstützte
und gut vernetzte Wohn- und Beschäftigungsformen mit individuellem
Hilfsmanagement fachgerecht und zielstrebig begleiten.
kobinet: Die internationale Entwicklung geht ja
eindeutig zur Deinstitutionalisierung und zur gemeindenahen Unterstützung.
Sehen Sie auch hierzulande einen Trend in diese Richtung und wie
wirkt sich dies in Ihrem Bereich aus?
Claus Völker: Früher waren die Heime bestimmt vom Gedanken
der vollstationären Rundumversorgung und der umfassenden Fürsorge.
Ihre "Konzeption" war beherrscht vom Geben der Betreuer
und dem Nehmen der auf eine Bewohnerrolle eingeschränkten Menschen.
Dieses Heim alter Prägung ist bereits ein Auslaufmodell. Meiner
Meinung nach befinden wir uns mitten in der Deinstitutionalisierung.
Diesen Weg wollen die meisten Heime wohl gehen und entsprechen damit
den Tendenzen des SGB IX und des Heimgesetzes. Auch die Heime in
Unterfranken haben sich schon zum großen Teil umgestellt,
verkleinern die Gruppen, bilden Außenwohngruppen, Wohngemeinschaften,
Kleinstheime und beginnen mit dem sog. Betreuten Wohnen. Drei große
Heimträger gehen mit gutem Beispiel voran. So soll z.B. in
naher Zukunft ein Heim komplett an seinem Standort aufgelöst
werden. Eine andere Frage ist, ob wir völlig ohne die Institution
Heim auskommen können - d.h. auch ohne kleinere Einheiten.
Eine Antwort wird, denke ich, der Deutsche Bundestag geben, wenn
er der Bielefelder Aufforderung zur Enquete der Heime entspricht.
kobinet: Zur Zeit sind Sie mit der Vorbereitung
für eine Veranstaltung zum Thema Heime beschäftigt. Was
haben Sie da genau vor?
Claus Völker: Die "Arbeitsgemeinschaft unterfränkischer
Behinderteneinrichtungen" plant - nachdem wir bereits im Juni
eine gut besuchte Tagung mit Professor Dörner zum Thema Deinstitutionalisierung
durchgeführt haben - am 19. September 02 eine Podiumsveranstaltung
zum Thema "Heime in der Kritik" u.a. mit Elke Bartz von
ForseA, Claus Fussek von ViF, Prof. Theunissen, Universität
Halle, und Christian Judith, Hamburg. Bei dieser Tagung wollen wir
auch der Kernfrage der Bielefelder Aufforderung nachgehen, ob das
Heimsystem, die Institution Heim, noch alternativlos erforderlich
ist, für welche Bereiche und wie lange. Die Betreuung pflegebedürftiger,
behinderter bzw. alter Menschen ist eine der zentralen sozialen
Fragen unserer Gesellschaft.
kobinet: Herzlichen Dank für das Interview
und weiterhin viel Erfolg bei Ihrem Wirken.
Kontakt: Ottmar Miles-Paul - E-Mail: omilespaul@aol.com
|