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  [11.07.02]

Mitten in der Deinstitutionalisierung

Interview mit Claus Völker von der Heimaufsicht Unterfranken

Würzburg [kobinet]. Die Kritik an den Heimen wird auch in Deutschland immer lauter. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte daher das aktuelle kobinet-Interview mit jemand, der sich in diesem Bereich gut auskennt. Claus Völker ist in der Heimaufsicht in der Bezirksregierung Unterfranken tätig und weiß wovon er spricht, wenn er meint, dass wir uns auch in Deutschland mitten in der Deinstitutionalisierung befinden:

kobinet: Herr Völker, Sie sind in der Heimaufsicht tätig.Was ist dabei genau Ihr Aufgabenfeld?
Claus Völker: In Bayern wurden zum 01.01.2002 die Aufgaben der Heimaufsicht zwar auf die Kreisverwaltungsbehörden (Landratsämter und kreisfreie Städte) übertragen. Die Bezirksregierungen haben jedoch die Rechtsaufsicht über die Heimaufsichten und sollen für einen möglichst einheitlichen Vollzug des Heimgesetzes sorgen.

kobinet: Welche Erfahrungen machten Sie bei der Begutachtung der Einrichtungen und was müsste sich Ihrer Meinung nach zukünftig in diesem Bereich verändern?
Claus Völker: Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Institutionen mit einheitlichen, wenig flexiblen Regulierungen für das Heimleben dem Einzelnen geringe Entfaltungs- und Autonomiemöglichkeiten bieten. Das soll nicht heißen, dass es sich um "schlechte" Heime handelt oder das Personal in solchen Einrichtungen weniger geeignet wäre bzw. lieblos arbeitet. Es sind systemimmanente Eigenheiten, die schwer zu überwinden sind. Vielleicht ist man in manchen Heimen noch immer dem alten Fürsorgeprinzip verhaftet: Wir wissen aus Erfahrung, was gut für unsere Bewohner ist. Notwendig ist es daher, dass die Heimträger und die Beschäftigten der Heime alles daran setzen, den Menschen mit Behinderung das höchstmögliche Maß an Autonomie und selbstbestimmtem Leben einzuräumen. Weiter sollten sie auch den Umzug in ambulant unterstützte und gut vernetzte Wohn- und Beschäftigungsformen mit individuellem Hilfsmanagement fachgerecht und zielstrebig begleiten.

kobinet: Die internationale Entwicklung geht ja eindeutig zur Deinstitutionalisierung und zur gemeindenahen Unterstützung. Sehen Sie auch hierzulande einen Trend in diese Richtung und wie wirkt sich dies in Ihrem Bereich aus?
Claus Völker: Früher waren die Heime bestimmt vom Gedanken der vollstationären Rundumversorgung und der umfassenden Fürsorge. Ihre "Konzeption" war beherrscht vom Geben der Betreuer und dem Nehmen der auf eine Bewohnerrolle eingeschränkten Menschen. Dieses Heim alter Prägung ist bereits ein Auslaufmodell. Meiner Meinung nach befinden wir uns mitten in der Deinstitutionalisierung. Diesen Weg wollen die meisten Heime wohl gehen und entsprechen damit den Tendenzen des SGB IX und des Heimgesetzes. Auch die Heime in Unterfranken haben sich schon zum großen Teil umgestellt, verkleinern die Gruppen, bilden Außenwohngruppen, Wohngemeinschaften, Kleinstheime und beginnen mit dem sog. Betreuten Wohnen. Drei große Heimträger gehen mit gutem Beispiel voran. So soll z.B. in naher Zukunft ein Heim komplett an seinem Standort aufgelöst werden. Eine andere Frage ist, ob wir völlig ohne die Institution Heim auskommen können - d.h. auch ohne kleinere Einheiten. Eine Antwort wird, denke ich, der Deutsche Bundestag geben, wenn er der Bielefelder Aufforderung zur Enquete der Heime entspricht.

kobinet: Zur Zeit sind Sie mit der Vorbereitung für eine Veranstaltung zum Thema Heime beschäftigt. Was haben Sie da genau vor?
Claus Völker: Die "Arbeitsgemeinschaft unterfränkischer Behinderteneinrichtungen" plant - nachdem wir bereits im Juni eine gut besuchte Tagung mit Professor Dörner zum Thema Deinstitutionalisierung durchgeführt haben - am 19. September 02 eine Podiumsveranstaltung zum Thema "Heime in der Kritik" u.a. mit Elke Bartz von ForseA, Claus Fussek von ViF, Prof. Theunissen, Universität Halle, und Christian Judith, Hamburg. Bei dieser Tagung wollen wir auch der Kernfrage der Bielefelder Aufforderung nachgehen, ob das Heimsystem, die Institution Heim, noch alternativlos erforderlich ist, für welche Bereiche und wie lange. Die Betreuung pflegebedürftiger, behinderter bzw. alter Menschen ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Gesellschaft.

kobinet: Herzlichen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Ihrem Wirken.

Kontakt: Ottmar Miles-Paul - E-Mail: omilespaul@aol.com

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